Nun habe ich mich also schon zwei Wochen in Davao eingelebt. Ich fühle mich deutlich sicherer im Herumlaufen und Herumfahren, meine Orientierung beginnt allmählich, verlässlich zu werden (ist aber noch weit von richtiger Sicherheit entfernt). Auch die permanente Aufmerksamkeit stört mich nicht mehr so sehr, auch wenn ich es natürlich doof finde, dass alle Weißen automatisch US-Amerikaner sind und man immer „Hey Joe!“ gerufen wird. Lustigerweise wird man sogar auf kurzen Fußwegen permanent von Taxifahrern und Tricycles gefragt, ob man nicht gefahren werden will, da Weiße anscheinend keinen Schritt alleine tun können… naja. Anscheinend funktioniert auch der Blog wieder, das ist doch ein hervorragender Anlass, um mal wieder ein bisschen was zu erzählen.
Olivia ist letzten Montag nach Hause geflogen. Von Samstag auf Sonntag haben wir noch in ihren Geburtstag rein gefeiert, bzw. Abschied gefeiert. Ich kann eigentlich überhaupt nicht in Worte fassen, wie sehr sie mir geholfen hat, in Davao anzukommen und mich zurecht zu finden, und ich fand es sehr schade, dass sie so bald abgereist ist. Aber die Party war sehr nett. Filipinos und Filipinas lieben es zu singen. Jemand hatte eine Gitarre mit, und es wurden mehrere Stunden lang Lieder auf Visaya (eine der philippinischen Sprachgruppen aus der Mitte der Philippinen, die Inselgruppe da heißt Visayas, die größte Sprache davon wiederum ist Cebuano) gesungen. Ich konnte zwar nicht mitsingen, aber zuhören war auch schön. Ich sehe es auch kommen, dass ich bald mit zum Karaoke-singen „muss“, da das eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Filipinos ist!

Geburtstagsständchen für Olivia
Am Montag von Olivias Abreise ging für mich die richtige Arbeit los. Es ist im Moment noch ganz schön aufwendig, mich in das Projekt einzuarbeiten. Immerhin ist das forumZFD seit zwei Jahren auf Mindanao aktiv und es gibt mittlerweile eine Fülle von Dokumenten, die zu sichten wären, Kontakte, die geknüpft wurden und Informationen, die irgendwie zwar da sind, aber für Neuankömmlinge erstmal schwer aufzunehmen und zu speichern sind. Olivia hat mir einen guten Überblick verschafft, aber das hat natürlich nur an der Oberfläche gekratzt. Inge und Daniel sind super, sie nehmen sich sehr viel Zeit, um mir erstmal von sich aus einiges zu erzählen und dann um meine Fragen zu beantworten. Außerdem kann ich mir meine Zeit momentan noch sehr frei einteilen, weil ich mich erstmal in alle Hintergründe und Aktivitäten einlesen soll. Das heißt allerdings nicht, dass es nicht auch schon einiges Konkretes zu tun gäbe. Momentan recherchiere ich Kontakte zu Universitäten und High Schools in Mindanao (hier nochmal ein tief empfundenes Danke an ICEF – vor allem an Markus H – für zwei Jahre Training 😉 ), bearbeite Texte, bastel an Excel-Tabellen rum, bereite den Visumsantrag von unserer Kollegin Hope, die im November in Bonn an einer Fortbildung teilnehmen soll, vor usw. usf. Irgendwie gehen die Tage immer viel zu schnell rum. Mein größeres Projekt wird für die nächsten Wochen sein, eine Art Statusbericht über das Projekt zu verfassen, wenn ich selber einen Überblick gewonnen habe. Dann können sich neu anfangende MitarbeiterInnen schneller einlesen (denn das Team expandiert und expandiert momentan).
Die Atmosphäre im Büro ist super, es macht echt Spaß hier. Wir essen immer gemeinsam zu Mittag (um die Ecke ist eine gute Eatery, die haben jeden Tag ziemlich günstige verschiedene Gerichte (Gemüse, Fisch, Fleisch, oder Salate aus Jackfruit oder Bananenblüten und natürlich REIS) und Francis holt das immer, sodass wir zusammen im Büro essen. Früher sind immer alle zusammen zur Eatery gegangen und haben da gegessen, und wenn Francis nicht da ist, machen wir das auch, aber gewisse philippinische Mitarbeiterinnen wollen nicht durch die Sonne laufen, weil man da ja braun werden könnte :-D). Es ist auch immer Zeit für Zwischenfragen oder einfachmal ein kurzes persönliches Gespräch. Daniel hat mich gestern zum Mittagessen mitgenommen, um eine Partnerin aus einem Forschungsinstitut, die auch zu Frieden auf Mindanao arbeiten, kennen zu lernen, und mit Inge mache ich auch in unserer Freizeit öfter mal was zusammen (z.B. Tatort gucken Sonntag Abend!). Hope ist außerdem immer gut für eine lustige Anekdote oder Fashion-Advice, und Francis ist immer total hilfsbereit und lieb. Was kann man sich sonst noch wünschen?

Hope an ihrem Schreibtisch
Eine große Neuerung in dieser Woche war außerdem, dass ich Olivias Wohnung übernommen habe. Diese besteht aus einem ziemlich großen und hellen Zimmer mit eigenem kleinen Bad in einem Haus, das mehrere Zimmer an Studenten u.ä. vermietet. Wir benutzen eine gemeinsame Küche und es gibt auch eine Haushälterin, die z.B. auch gegen kleines Geld Wäsche wäscht, aber ich bringe meine einfach in die Wäscherei nebenan (sie kommt mir so zerbrechlich vor und sie muss alles von Hand waschen!). Außer einer völlig durchgelegenen Matratze, die auch noch nie eine richtige Matratze war, sodass man praktisch direkt auf Holz liegt, mag ich das Zimmer sehr. Es ist zwar laut, weil JEDEN Morgen um 5 ein hysterischer Hund anfängt zu kläffen, aber das hat man hier eigentlich überall. Und eine neue Matratze besorg ich mir nächste Woche auch. Wunderbarereweise liegt das Haus in Geh-distanz zum Büro, ich brauch zu Fuß ca. 10 Minuten morgens.

Das Haus, in dem ich wohne. Erster Stock, links (Fenster unter dem kleinen Vordach).
Tja und sonst… ich war außerdem diese Woche Montagabend zum ersten Mal bei einer Massage, das ist hier – wie fast alles – total günstig und extrem super! Wird bestimmt ein regelmäßiges Hobby! Dienstag war ich dann beim Kali-Training. Kali (oder auch Arnis) ist der typische philippinische Kampfsport, der mit Stöcken, bzw. auf höheren Stufen, mit Messern gekämpft wird. Aber keine Sorge, ich fange erst nur mit einem Stock an. Die Gruppe ist total nett und es hat auch Spaß gemacht, aber ich finds schon relativ blutrünstig und weiß nicht, ob ich mich jemals trauen werde, wirklich auf andere Menschen mit Stöcken einzuschlagen. (Obwohl ich weiß, dass die alle viel besser sind als ich und sich verteidigen können – ich mag das Gefühl einfach nicht.) Werde jetzt erstmal noch hingehen, und schauen, wie es sich entwickelt. Außerdem hab es dann noch Abendessen und Spieleabende und eine unfreiwillige Stadtrundfahrt, weil ich nach dem Einkaufen souverän in den falschen Jeep gestiegen bin… aber ich habe trotzdem tapfer nach Hause gefunden, wenn auch nach verschlungenen Umwegen 😉
Alles in allem war die Woche mal wieder sehr cool, aber auch anstrengend. Unser geplanter Strandbesuch heute fiel wegen Regen am Morgen ins Wasser, obwohl es jetzt wieder total sonnig ist. Wir müssen uns noch daran gewöhnen, dass ein Schauer hier schnell vorbei geht, und nur weil ein Sturm im Norden der Philippinen tobt, das nicht heißt, dass wir hier mehr als 10 Minuten kriegen… aber es ist relativ unvorhersehbar.
Noch ein paar Fotos von meinen Rundgängen und sonstigen Touren durch die Stadt:

Ich wohne westlich vom Fluss, downtown ist östlich vom Fluss. Also sind die beiden Brücken, die es gibt, wesentliche Orientierungsmarken für mich. Hier ist eine der beiden.

Kontraste, die zu denken geben.

Bankerohan Public Market. Hier gibt es gaaanz viel frisches Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch und auch Klamotten und anderen Kram. Laut und heiß und subbacool!
Bis jetzt ist das große Heimweh zwar ausgeblieben, aber ich denke trotzdem viel an euch und freue mich über jeden Kommentar, jede Email, jedes Skype-Gespräch und jede fb-Nachricht.
Große Umarmungen,
Lara